Klassik ohne Grenzen

Josephine Mpongo vom Orchestre Symphonique Kimbanguiste, dem einzigen Sinfonieorchesters Schwarzafrikas, übt auf ihrem Cello im “Gruppen-Übungsraum”. Bekannt wurde das Orchester in Europa durch den preisgekrönten Dokumentarfilm “Kinshasa Symphony“.

Andrew McConnell‘s Foto (gesehen in der Onlineausgabe des Guardian) gewann den Preis der Vereinigung der amerikanischen Presse-Fotografen für Fotojournalismus 2011.

We love Martha!

Aus Anlass des 70. Geburtstages der grossen Martha Argerich sei ein bisschen Nostalgie (und somit fehlende Aufnahmequalität) erlaubt.

Eines ihrer raren Interviews gab die Grande Dame des Klavier übrigens dem Schweizer Fernsehen in Lugano, zu sehen in der heutigen Ausgabe der Tagesschau.

Seit vielen Jahren – nicht erst seit ihrer Krebserkrankung im Jahr 1990 – lässt Argerich im Grunde nur einen einzigen Journalisten regelmässig an sich heran, den französischen Fernsehjournalisten Olivier Bellamy. Dieser hat nun ein faszinierendes und detailüberquellendes Porträt in Buchform herausgebracht, welches uns für all das entschädigt, was wir sonst von der scheuen Künstlerin vergeblich zu erfahren hofften (Martha Argerich. Die Löwin am Klavier. Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann, München).

Aber am Schönsten spricht Eine wie Martha Argerich sowieso durch ihre Musik.

Und noch ein kleiner Hörtipp unter zahlreichen, legendären Aufnahmen: “The Berlin Recital“, Gidon Kremer (Violine) und Martha Argerich spielen Schumann und Bartók (2009; EMI). Wunderbar…

Die Schönheit der Vergänglichkeit

Es gibt diese seltenen Momente, in denen unterschiedlichste Kulturformen zu einem wunderbaren Gesamt-Kunstwerk zusammenfliessen. Ein intimer Ansatz mit einer traumartigen Atmosphäre prägen die neueste Komposition Matsukaze von Toshio Hosokawa für vier Sänger und einen kleinen Chor, begleitet von einem Kammerorchester. Verbunden mit der unverkennbaren Handschrift der tänzerischen Gestaltung durch die deutsche Star-Choreographin Sasha Waltz finden die Elemente Gesang, Musik, Tanz und Bühnenbild zu einem homogenen Ganzen zusammen – eine choreographische Oper, welche unter die Haut geht. Das Stück ist zudem eine vortrefflich gelungene Symbiose von östlichen und westlichen Elementen: wie die schwarzen wollenen Fäden während des 2. Aktes verweben sich alt-japanische, buddhistische Weisheiten und Klänge, mit westlichen musikalischen Strukturen und Bewegungen.

“Die Vergänglichkeit ist schön. Das Gleiche gilt auch für die Musik:
sie steigt auf, sie verebt aber auch schnell wieder. Die Musik ist
schön, weil sie ganz im Augenblick lebt; sie bleibt in unseren
Herzen, aber sie ist flüchtig. So ähnlich verhält es sich auch mit Matsukaze
ein Ereignis ist einmalig, danach folgt immer der Tod, die Ruhe,
die Leere, der Raum. Und deswegen muss alles was wir machen schön sein.”

(Toshio Hosokawa)

 

 

Matsukaze ist einer der beliebtesten Klassiker des japanischen Nô-Theaters. Die Schwestern Mazukaze und Murasame lieben den selben Mann, doch ihre Gefühle bleiben zeitlebens unerwidert, der Geliebte verlässt die beiden Frauen, ohne jemals zurückzukehren. Noch Jahre nach dem Tod der Schwestern kehren beider Seelen ins Diesseits zurück, unermüdlich auf der Suche ihrer grossen Liebe.

Die berührende Intensität dieser Oper erlebt wohl nur, wer sie live erfährt (was nach Aufführungen in Brüssel, Warschau und Luxembourg noch Mitte Juli in der Staatsoper im Schiller Theater Berlin möglich sein wird). Dennoch hier ein spannender Blick hinter die Kulisse und in die Entstehungs- und Probephasen, mit Interviews der Hauptprotagonisten Pablo Heras-Casado (Dirigent), Barbara Hannigan (Sopranistin; wunderbar in der Rolle der Matsukaze) und Sasha Waltz (Choreographin):


(Illustration via Sventurata Navicella)

Was geht im Gehirn eines Musikers vor?

Die vier Gitarristinnen des Berliner Cuarteto Apasionado haben für ihre Proben in den vergangenen Monaten immer wieder einen ganz speziellen Ort aufgesucht: im Labor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung haben die Wissenschaftler des „Interactive Brains, Social Minds-Projektes“ den „Gleichklang“ ihrer Gehirne beim vierstimmigen Spiel untersucht. Vorausgehende Studien hatten nämlich bereits ergeben, dass beim gemeinsamen Musizieren durchaus eine Synchronisation der elektrischen Gehirnaktivität stattfindet.

Bei den vier Musikerinnen wurden Hirnwellen, Herz- und Atmungsaktivität aufgezeichnet, während diese zwei Stücke einstudierten – so, als wären sie in ihrem gewohnten Proberaum. Im Zentrum stand die Frage, wie Synchronisation entsteht und sich im Verlauf der Proben entwickelt. Erste Ergebnisse zeigen, dass sich die vier Gehirne aufeinander einstimmen und sich im Probenverlauf zu einem funktionalen Netzwerk verbinden.

„Welche Auswirkung das Üben auf das neuronale Geschehen hat und wie sich die Struktur des gemeinsamen Netzwerkes beim stetigen Besserwerden verändert, wollen wir mit der bevorstehenden Auswertung zeigen.“

Höhepunkt wird am 17. Juni ein öffentliches Laborkonzert sein, bei dem das Cuarteto Apasionado unter anderem die beiden während der Labormessungen geprobten Werke Libertango von Astor Piazolla und Comme un Tango von Patrick Roux vorträgt. Zugleich wird der Fokus auf die Musizierenden um den Aspekt der Zuhörer erweitert. Denn neben den vier Gitarristinnen werden nämlich auch vier Gäste aus dem Publikum untersucht: zwei musikalisch Beschlagene sowie zwei Musiklaien.

„Uns interessiert, ob sich Effekte, die wir in der Probensituation gesehen haben, durch die Anwesenheit von Zuschauern verändern. Außerdem möchten wir wissen, inwiefern sich Synchronisation und funktionelle Verbindungen zwischen den Gehirnen von Musikern und Zuhörern zeigen lassen.“

Wir sind gespannt – und geniessen bis zur Auswertung der Ergebnisse jenes Werk Piazzollas, welchem sich auch das Quartett bei seinem Konzert annehmen wird, hier in einer wunderbaren Version des französischen Akkordeon-Virtuosen Richard Galliano

Hoffnung und Glaube

In nostalgischem Ambiente unter der Sonne Kubas präsentiert uns Imany ihre erste Single “You will never know”. Realisiert wurde der Clip von Andrew Dosunmu, welcher mit seinem Film “Restless City” in der offiziellen Auswahl des Sundance Festival 2011 figuriert.

Dass sie wunderschön ist, bestreitet wohl niemand – schliesslich arbeitete Imany sieben Jahre in New York als Model, bevor sie 2008 nach Paris zurückkam, um sich voll und ganz ihrer wahren Leidenschaft, der Musik, zu verschreiben. Ihre charismatische Aura verdankt die Sängerin aber nicht in erster Linie ihrem Aussehen, sondern ihrer tiefgründigen, tragenden, melancholisch angehauchten Stimme, die irgendwo zwischen Tracy Chapman und Marianne Faithful liegt.

Imany bedeutet in Swahili Hoffnung und Glaube. Tatsächlich ist Imany in Frankreich zur Zeit eine der ganz grossen Hoffnungsträgerinnen einer Nouvelle Vague der Soul-Musik. “Shape of a broken heart” heisst ihr Debutalbum und erreichte nach dem Erscheinen Anfang Mai innerhalb von fünf Tagen die Spitze der iTunes Charts.

Dass sie keine klassische Musikausbildung vorweisen kann, hat Imany keineswegs davon abgehalten, ihre Lieder selbst zu schreiben, aus ihren persönlichen Erfahrungen eine melodische Poesie zu kreieren. So verarbeitet sie in ihrem Song “I lost my keys” eine Situation, wo sie in ihrer Modelzeit in Mailand dem Tode sehr nahe stand, verloren, isoliert, keiner den sie hätte anrufen können, kein Ort wo sie hätte hingehen können. Heute ist dieses Lied für sie selbst wie auch für ihre Fans eine Metapher für die Momente im Leben, in denen wir uns verloren und hilflos fühlen.